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In die Ostwand
ist eine erhöhte Nische mit drei Bögen eingelassen, in der
der Herrscher sich den Würdenträger zeigte. Dieser Teil ist
denn auch mit Marmor verkleidet und nicht wie der Rest des
Baus mit poliertem Alabaster. Ein interessantes Detail sind
die Baluster birnenförmige Säulen – in der unteren Hälften
der Nischenwände. Shah Jahan hatte sie auf europäischen
Illustrationen gesehen, wo sie gern als dekoratives Element
bei der Darstellung von Herrschern und religiösen
Würdenträgern genutzt wurden. Er interpretierte sie als
Insignien der Macht und integrierte sie in die Architektur, um
seinen uneingeschränkten Führungsanspruch zu dokumentieren.
Durch
silberne Geländer getrennt, versammelten sich in der Halle
die Würdenträger, streng nach Rang geordnet. Die niedrigeren
Chargen mußten mit den Botengängen in der rings um den Platz
verlaufenden Galerie vorliebnehmen, wobei jeder Edelmann den
ihm zugewiesenen abschnitt auf eigene Kosten zu gestalten
hatte. Die Folge war eine lebhafte Konkurrenz unter den
Gefolgsleuten, den eigenen Standplatz möglichst luxuriös mit
Brokaten und Teppichen auszustatten. Den farbenprächtigen
Anblick einer derartigen Hofversammlung hat uns der
französische Arzt Francois Bernier beschrieben, der in der
zweiten Hälfte des 17. Jh. in Delhi im Dienst des
Mogulherrschers stand. Sogar die Frauen des Harems beteiligten
sich, unsichtbar hinter Gittern verborgen, an den Debatten.
Vor dem Diwan-i-Am liegt auf der Rasenfläche nahe der
Südostecke das Grab des britischen Befehlshabers Colvin, der
hier während des Aufstands von 1857 fiel.

Östlich des
Diwan-i-Am schließt sich der Machi Bhavan an, ein an drei
Seiten von doppelstöckigen Bogengalerien umschlossener Hof.
Das Zentrum der südlichen Front ist im oberen Stock als eine
Art Pavillon gestaltet, in dem der goldene Thron des
Herrschers seinen Platz gehabt haben soll. Auffallend auch
hier die vier baluster-förmigen Säulen als Symbole
unumschränkter Macht. Vom Machi Bhavan hat man Zugang zur
kleinen, nur zwei Schiffe und drei Joche aufweisenden
Naginamoschee, die dem Herrscher als Privatmoschee diente,
vielleicht aber auch von seinen Frauen genutzt wurde. Einmal
mehr unterstreichen Balustersäulen das königliche Privileg.
Dies wird auch an dem gekrümmten Dach über dem Zentralbogen
deutlich, das sonst nur noch in den Privatgemächern
anzutreffen ist. Unterhalb der Moschee lag in einem kleinen
abgeschlossenen Hof der Meena - Basar. Einmal im Jahr durften hier
die sonst im Harem verborgen lebenden Hofdamen kleine Stände
aufbauen und Markt spielen, wobei die Möglichkeit zu
vorsichtigen Kontakten mit den männlichen Palastbewohnern den
eigentlichen Reiz dieses karnevalartigen Vergnügens
ausmachte. Bei einem derartigen Markt soll Jahangir die
wunderschöne Mehrunissa kennengelernt haben, die später als
Nur Jahan (Licht der Welt) großen Einfluß am Hof ausübte.
An der Ostseite des Gevierts weitet sich das erste Stockwerk
zu einer Plattform mit Blick auf den Fluß. Ein schwarzer
Marmorblock markiert den Thron Jahangirs, versehen mit einer
umlaufenden Inschrift aus dem Jahre 1603, die seine
Thronbesteigung preist. Der Herrscher hat das Prunkstück aus
Allahabad hierher bringen lassen, wo er sich in Opposition zu
seinem Vater Akbar schon zwei Jahre vor dem Beginn seiner
legitimen Regentschaft als Kaiser hatte ausrufen lassen.
Im Norden wird
die Plattform von den königlichen Bädern begrenzt, im Süden
von der privaten Audienzhalle (Diwan-i-Khas). An den Ecken
wird der 22 m lange und 11 m breite dreischiffige Hallenbau
durch Doppelsäulen getragen. Die pietra dura-Arbeiten an den
Säulenbasen sind von außergewöhnlicher Schönheit. Im
Innern vergleicht eine persische Inschrift (1636) in schwarzem
Stein den Raum mit den höchsten Himmeln und den Herrscher mit
der Sonne am Firmament. Die Lobpreisung wurde früher noch mit
einer in Silber und Gold verkleideten Decke unterstrichen, die
das Licht in Strahlenbündeln reflektierte.
Vom Diwan-i-Khas gelangt man in die Privatgemaecher des
Mogulherrschers. Im Osten ragt der achteckige Turn Musamman
Burj einer Bastion gleich aus der Festungsmauer hervor. Hier
lagen die Privatgemaecher von Mumtaz Mahal. Ein Teil des
davorliegenden Bodens wurde als Brett fuer das Pachisi-Spiel
konzipiert, das faelschlicherweise of mit dem Schach in
Verbindung gebracht wird, aber eher dem Backgammon aehnelt.
Beachtenswert sind die sehr schoenen Einlegearbeiten, der
exquisite Brunnen und die Marmorgitter. Von der umlaufenden
Galerie hat man einen bezaubernden Blick ueber die Yamuna
hindueber zum Taj Mahal. Hier laesst sich vielleicht
nachempfinden, welche Gefuehle Shah Jahan bewegten, der hier
von seinem Sohn Aurangzeb die letzten acht Jahre seines Lebens
gefangengehalten wurde.
Im Süden schließt sich ein weiterer Hof an, der
Traubengarten (Anguri Bagh), zum Fluss hin von einer Plattform
begrenzt, auf der im Zentrum das Privatgemach (Khas Mahal) des
Herrschers lag. Der exquisit ausgeführte Marmorbau (23 m x 12
m), der sich zum Hof hin als offene auf Pfeilern ruhende Halle
präsentiert, war Vorbild für den gleichnamigen Bau im Fort
von Delhi. Die Wand zur Yamuna hin ist als durchbrochenes
Gitter ausgeführt – Kühlung und Aussicht gleichermaßen. Der
früher verwahrloste Garten wurde mittlerweile wieder
hergerichtet und bildet mit seinen Blumenbeeten, den
hochgelegen Marmorpassagen und dem zentralen Wasserbecken ein
gelungenes Ensemble. Links und rechts wird der Khas Mahal von
Gebäuden mit geschwungenen bengalischen Dächern flankiert,
die mit vergoldeten Kupferplatten belegt sind. Von der
Burestung des nördlichen Pavillons pflegte sich Shah Jahan
jeden Morgen dem unterhalb der Mauern versammelten Volk zu
präsentieren, wobei das von den goldenen Dächern
reflektierte Licht ihn wie in einen Heiligenschein eingehüllt
haben soll. Im südlichen Pavillon residierte Shah Jahans
älteste und von ihm am meisten geliebte Tochter Jahan Ara,
die nach dem Tode vom Mumtaz Mahal als Begum Sahib die
Repraesentationspflichten am Hof übernahm.
Südlich des
Anguri Bagh schließt sich ein weiterer Hofkomplex an, der den
Namen Jahangirs Palast (Jahangiri Mahal) trägt und den
Besucher mit einem völlig anderen Architekturstil
überrascht. Der aus zwei Höfen (76 m x 72 m) bestehende
Mehrstöckige Komplex stammt nicht, wie der Name suggeriert,
aus der Zeit Jahangirs, sondern wurde bereits von Akbar
errichtet. Merkmale sind mit weissem Marmor aufgelockerte
Sandsteinfassaden mit ausgeprägten Basreliefs. Durch den im
Osten liegenden Haupteingang betritt man einen allseits
geschlossenen Innenhof, der an der Süd – und Nordseite von
Pfeilergestützten Hallen flankiert wird. Auffallend Sind die
vielen reich verzierten Sandsteinkonsolen, die die
vorspringenden Dächer tragen und die unechten Bögen in
Hindutradition.
Man sollte nicht
versäumen, einen Blick in die nördliche
Halle zu werfen, wo Schräg geführte schlangenförmige Träger das breite Flachdach
Stützen. Sie haben ihren
Ursprung in der Jainarchitektur Gujarats, fanden später aber
auch in Gwalior und sogar Bengalen Verwendung.
Die an den Stutzen aus dem feinen Sandstein
herausgearbeiteten, arabesk verschlungenen Pflanzenmotive sind
hingegen persischen Ursprungs, ebenso die kielbogenförmigen
Portalnischen, die im angrenzenden östlichen Hof den Zugang
zu den Räumen bilden. Vor dem Palast steht ein riesiger
Steinbehälter, den Jahangir zur Aufbewahrung von Reisspenden
anläßlich des Ursfestes 1611 hat anfertigen lassen. Von hier
aus sind es nur wenige Schritte bis zur breiten, zum Ausgang
hinabfuehrenden Rampe. |